Geschichenbasiertes Lernen im Fremdsprachenunterricht
Nachdem ich im Jahr 1981 mein Studium der Sprachwissenschaften
sowie Übersetzen und Dolmetschen an der Universität des Saarlandes
Saarbrücken erfolgreich als Übersetzerin für Englisch und Spanisch
abgeschlossen hatte, versuchte ich mich zunächst als freiberufliche
Übersetzerin. Zwei Jahre später wurde ich – mehr oder weniger zufällig
– von der damaligen Bundespost als freiberufliche Trainerin ohne
Lehrerfahrung für Englisch engagiert. Es war ein Sprung ins kalte
Wasser und ich erlernte meine Fähigkeiten sozusagen am lebenden Objekt,
an meinen damaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Aus heutiger Sicht
tun sie mir ein wenig Leid; der Unterricht verlief ziemlich statisch
und frontal. Eines stand aber fest: Ich hatte meine Berufung gefunden.
Nach ca. 10 Jahren Lehrerfahrung, in denen auch mein Unterricht
abwechslungsreicher und interessanter wurde, begegnete ich der
Suggestopädie oder dem Ganzheitlichen Lehren und Lernen, machte am
SKILL-Institut, Bammental eine Ausbildung zur Suggestopädin und begann
mit einer Kollegin und einem Kollegen, eigene ganzheitliche (2 –
5tägige) Englischseminare zu entwickeln, die wir zunächst gemeinsam
erfolgreich an den »Mann« bzw. die Firma brachten (Deutsche Telekom,
Lafarge, Lenze, Lloyd Shoes u.a.).
Inzwischen bin ich Mitglied der
DGSL (Deutsche Gesellschaft für Suggestopädisches Lehren und Lernen),
arbeite vorwiegend allein, bin auch als Übersetzerin und neuerdings
Herausgeberin einer kleinen Zeitschrift für technisches Englisch tätig.
Mein Herz gehört aber eindeutig der Arbeit als ganzheitliche Trainerin
und ich gebe meine Erfahrung und Elemente der Methode in Workshops für
Trainerinnen/Lehrer weiter.
Welche Rolle spielen Geschichten in Ihrem Fremdsprachenunterricht?
Meine Englischseminare für Firmenmitarbeiter sind gespickt mit Anekdoten aus meiner Erfahrung als Trainerin, mit Witzchen und Geschichtchen aus meinem Leben und dem meiner Freunde, die von den Teilnehmern mit Begeisterung aufgenommen werden.
Ein Beispiel: Wenn es um Fettnäpfchen und sogenannte »false friends« (ähnliche Wörter im Deutschen mit anderer Bedeutung) im Englischen geht, erzähle ich gern die Geschichte von einer Freundin, die in Amerika lebt. Zu Beginn ihrer beruflichen Karriere dort, war sie in ihrer ersten Firma zu einer Büroparty eingeladen und wollte ihrem Vorgesetzen mit den Worten: »Oh Mr. Brown, I really adore your fly!« schmeicheln. Alle Gesichter wandten sich ihr entsetzt zu. Nicht nur, dass das Wort »Fliege« im Sinne von Binder mit »bow tie« übersetzt wird und »fly« Stubenfliege bedeutet. Nein, eine weitere Bedeutung von »fly« ist Hosenstall.
Gibt es etwas, das in Ihrem Fach besonders faszinierend ist?
Der Kontakt, Erfahrungsaustausch zwischen Teilnehmer und Teilnehmer sowie Teilnehmern und Kursleiterin. Mein Unterricht lebt auch von meinen Geschichten und von denen der Lernenden, z.B. in Situationen wie der oben genannten oder wenn es um interkulturelle Belange geht. Der Umgang miteinander, das Sich-als-Gruppe-Fühlen, das durch die Methode ganz schnell entsteht, die gegenseitige Unterstützung.
Wie könnten Sie Ihre Studenten damit zum Staunen bringen?
Durch die Fülle an Geschichten, die sich in über 20 Jahren Lehrerfahrung angesammelt haben, durch die Unterrichtsmethode des ganzheitliches Lehren (Suggespopädie), durch respekt- und humorvollen Umgang mit den Teilnehmern und grenzenlose Geduld, durch die schnell entstehende Nähe zueinander und die Tatsache, dass man/frau sich sicher fühlen kann, Fehler machen darf. Über Fehler wird gemeinsam gelacht und es entstehen neue Geschichten, wie die eines Teilnehmers in einer Stunde zum Thema »Technisches Englisch – Grundstufe«, der einen Beispielsatz mit »plug« und »socket« bilden wollte, mit folgendem Ergebnis: »I plug my feet into my sockets.« (Wirklich geschehen!)
Haben Ihnen Geschichten beim Erlernen des Faches geholfen? Wenn ja wie?
Mir haben Geschichten beim Erlernen meines Faches nicht geholfen.
Ich hätte gern welche in meinem Studium gehabt. Aber ich erinnere mich
gern und intensiv an eine britische Dozentin, die ihre Übungen mit
typisch britischem schwarzem Humor würzte.
Geschichten helfen meinen Teilnehmern beim Erlernen der englischen Sprache.
Wenn wir von Prof. Dr. Spitzers Erkenntnissen ausgehen, dass wir mit Emotionen am Besten lernen und dass positive Emotionen (Humor, Freude, Spaß) besser nachhaltiges Lernen besser fördern als negative, sollten meines Erachtens alle Lernsequenzen mit Humor und Spaß gewürzt sein.
Könnten Sie sich vorstellen, Geschichten im Unterricht einzusetzen? Und wie?
Ich setze Geschichten im Unterricht ein und das mit großem Erfolg. Dazu hier meine Geschichte:
Als ich mich vor vierzehn Jahren als frisch gebackene Suggestopädin zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen daran setzte, eigene ganzheitliche Seminare zu entwickeln, war eine unserer Fragen, auf welches Material, welche Texte wir unsere Unterrichtseinheiten stützen sollten, d. h. Texte, Dialoge, die den zu lernenden Stoff (Grammatik, Strukturen, Redefähigkeiten, Vokabular) enthalten. Wir wollten nicht wieder die übliche Handlung – Mann/Frau reist ins Ausland, nimmt an Sprachkurs teil, ist im Urlaub, lernt Leute kennen usw. – heranziehen. Wir wollten einen interessanten Charakter, eine interessante, spannende, unterhaltsame Geschichte entwickeln.
Nach endlosen Überlegungen, durchdiskutierten Abenden in unserer Lieblingsweinstube und nach diversen Gläsern Wein machte ich als begeisterte Krimileserin den Vorschlag, einen Detektiv ins Leben zu rufen. Die Idee und unser Protagonist nahmen Gestalt an. Unser erstes einwöchiges Seminar war für Anfänger gedacht. In der dem Seminar zugrunde liegenden, aus acht Episoden bestehenden Geschichte löst unser Protagonist, Max Marlow, seinen ersten Fall: Er soll für eine junge Frau herausfinden, ob ihr lange verschollener Onkel tatsächlich Millionär in Amerika geworden ist. Auf diese Weise kann Marlow reisen, in New York einkaufen gehen, am Telefon über seinen Tagesablauf berichten – also alle Inhalte »erleben«, die auf diesem Kursniveau erlernt werden sollen. Nebenbei verliebt er sich zum Vergnügen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in seine Klientin – in späteren Seminarstufen wird sie zu einer guten Freundin.
Wir verliebten uns ebenfalls, nämlich in unseren Star, der auch in den nächsten beiden Seminarstufen seine Fälle lösen darf. Er hat seinen ganz eigenen Charakter, ist etwas schusselig, hat häufig Pech und ist ein echter Sympathieträger. Da die acht Episoden eine vollständige Geschichte umfassen, freuen sich unsere Seminarteilnehmerinnen und Teilnehmer auf jeden nächsten Teil und auf das die Lösung des Falles. Der Detektiv Marlow ist Teil des Seminars (Zitat eines Teilnehmers, der nach Besuch des Grundlehrgangs auch die nächste Seminarstufe besuchte: »Ja, Das ist typisch! Das ist Max Marlow!«)
Die Frage, ob nicht die Geschichten von den zu lernenden Inhalten ablenken, lässt sich für mich mit einem ganz klaren »Nein« beantworten. Die Geschichten sind interessant genug, um mehr davon hören zu wollen, um wissen zu wollen, wie’s weitergeht, sind aber gleichzeitig bestens geeignet, das Augenmerk immer wieder auf die Lerninhalte zu lenken.
Was lässt sich nicht mit Hilfe von Geschichten lernen?
Als Sprachtrainerin kann ich diese Frage mit »Nichts« beantworten.
Unsere Geschichten erstrecken sich über alle Lernstufen (Anfänger bis Business Level, Verhandlungsenglisch, Präsentationen usw.). Als Beispiel möchte ich die Geschichten aus unserem Business-Seminar heranziehen. Hier ist Max Marlow leider nicht involviert. Dafür haben wir hierfür eine amerikanische Firma erfunden, die Wasserbetten herstellt. Begonnen hat sie als Familienunternehmen mit der Produktion von Wärmflaschen. Die Führungskräfte in dieser Firma haben Namen wie Peter Boiling, Ross Streamline und George Sleepless (Waterbed Division!). Alle zu vermittelnden Inhalte sind in Dialoge eingebettet, die innerhalb dieser Firma oder in Rahmen dieser Firma stattfinden (Fernsehinterview zur Geschichte der Firma, Gespräch zwischen einem jungen Angestellten und einer befreundeten Kommunikationstrainerin zum Thema Präsentationen, Dialog zwischen einem Mitarbeiter und seiner Vorgesetzen über die anstehenden Verhandlungen, Darstellung der Company Performance, usw.). Und immer sind diese Geschichten mit humoristischen Einlagen gewürzt.
Was ist Ihre Geschichte mit dem Fach?
Unsere Geschichten tragen sicherlich zum Erfolg unserer Seminare bei. Anders ausgedrückt: Die Methode, die ich als Trainerin mit voller Überzeugung anwende, wird unterstützt durch unsere lebendigen Geschichten. Obwohl Max Marlow schon seit 14 Jahren existiert und nur ab und zu ein wenig modernisiert wird (inzwischen hat er z.B. ein Mobiltelefon), freue ich mich selbst jedes Mal auf die Geschichte, auf seine kleinen Pannen, auf die Lösung des Falles (in einer Seminarstufe schreiben die Teilnehmer die Lösung selbst), die Namen und Details in den Episoden und auf die Reaktion meiner Seminarteilnehmer auf die Geschichten und die Personen.
Das ist meine Geschichte zum Thema Geschichten in meinem Fach.

